Die Motivationsmaschine ist aus dem Takt
(23.08.2010) Niederlagen, Aus im Vorlauf und die ständigen Fragen nach seiner Form. Die Panpazifischen Meisterschaften sollten der Saisonhöhepunkt für US-Star Michael Phelps werden, doch sie machten deutlich, dass der erfolgreichste Schwimmer aller Zeiten noch viel Arbeit vor sich hat, um bei den Olympische Spielen in London erneut glänzen zu können. Doch bis dahin muss der sonst so disziplinierte Superstar zunächst zu seiner alten Einstellung zurückfinden.
“Ich mache mir manchmal sorgen, ob er in Ordnung ist”, erklärte Phelps Coach Bob Bowman jüngst gegenüber Amy Shipley von der Washington Post und meinte damit wohl nicht die aktuelle Form seines Super-Schützlings sondern viel mehr dessen grundsätzliche Einstellung. Immer wieder habe Phelps in den vergangenen Monaten eigenmächtig das Training sausen lassen, lieber Golf gespielt und ausgeschlafen. Sein Mentor, Trainer und Vertrauter Bowman stand währenddessen am Rande des Trainingspools in Baltimore und wartete vergeblich auf das Erscheinen seines Stars. Die “Motivationsmaschine”, wie er von Bowman einst bezeichnet wurde, war ins Stocken geraten. Insgesamt habe Phelps nur rund 40 Prozent des geplanten Trainingspensums absolviert. Die ständigen Unregelmäßigkeiten im Trainingsablauf von Phelps seien einer der Hauptgründe dafür, dass nun immer wieder Fragen über dessen Form aufgeworfen werden, wie zuletzt bei den Panpazifischen Meisterschaften in Irvine.
Phelps kneift vor dem Duell gegen den Sunnyboy
Bei der jüngsten Auflage der alle vier Jahre stattfindenen Titelkämpfen der Anrainerstaaten des Pazifschen Ozeans musste sich Phelps die Show von seinem Teamkollegen Ryan Lochte stehlen lassen. Während dieser in Weltjahresbestzeit die 400 Meter Lagen entschied, scheiterte Phelps bereits am Finaleinzug. Zwei Tage später kniff er vor dem direkten Duell gegen den Sunnyboy und trat über die 200 Meter Lagen, über die er zweimal in Folge Olympiagold geholt hatte, gegen den amtierenden Weltmeister Lochte nicht an. Grund dafür wäre sein Einsatz in der Lagenstaffel des US-Teams am gleichen Tag gewesen – am Ende des Finalabschnittes, fast zwei Stunden nach dem Endlauf über die 200 Meter Lagen. Statt des von vielen mit Spannung erwarteten Duells zwischen Olympiasieger und Weltmeister lieferte Lochte letztlich allein die Show, schwamm in 1:54,43 Minuten bis auf 27 Hundertstel an seinen eigenen, im Hightech-Anzug geschwommenen Weltrekord heran.
Auch ohne Form zu Weltjahresbestzeiten
Doch es gab nicht nur Schatten für Phelps bei den Meisterschaften in Irvine. Über die Schmetterlingsstrecken bestimmt er nach wie vor das Geschehen. Die 200 Meter gewann er in 1:54,11 Minuten und setzte sich damit an die Spitze der Weltrangliste. Seine Siegerzeit (50,86) über die 100 Meter war die zweitbeste Leistung in diesem Jahr nach Phelps’ eigener Jahresbestzeit (50,65) von den US-Meisterschaften. Zudem sagte er zwar seinen zunächst geplanten Start über die 100 Meter Freistil ab, doch als Startschwimmer der US-Staffel brachte der 25-Jährige in 48,13 Sekunden eine Zeit ins Wasser, mit der er nun ganz oben in der Weltrangliste steht – vor Sprintstars wie Alain Bernard, Brent Hayden oder seinem Landsmann Nathan Adrian, der in Irvine über diese Strecke Gold geholt hatte. Phelps hatte ohnehin immer wieder angekündigt, dass ihn die 100 Meter Freistil mit Blick auf die Olympischen Spiele 2012 reizen würden. Seine Leistung vom Wochenende dürfte ihn hierin weiter bekräftigen, könnten für neue Motivation sorgen.
Stolpersteine für die Motivationsmaschine
Bis London ist jedoch noch ein weiter Weg zurückzulegen, vor allem für den erfolgsverwöhnten Phelps. 14 Olympiatitel, mehr als 20 Goldmedaillen bei Weltmeisterschaften. Niederlagen gaben der “Motivationsmaschine” stets neuen Kraftstoff für weitere Spitzenleistungen. Die Karriere von Michael Phelps war ein ständiger Weg nach oben – mit ihrem Höhepunkt bei den Olympischen Spielen 2008. Doch seit seinem achtfachen Goldregen in Peking liegen ihm immer wieder ungewohnte Stolpersteine im Weg. Die Niederlage bei den Weltmeisterschaften im vergangenen Jahr über die 200 Freistil schoben er und vor allem Coach Bowman zunächst immer wieder allein auf den Hightech-Anzug Biedermanns. Doch die neusten Erläuterungen Bowmans über die Trainingseinstellung des Überschwimmers zeigen, dass die Motivationsmaschine wohl noch immer nicht rund läuft. Er frage sich manchmal, ob er Phelps nicht einfach hätte raten sollen, nach Peking ein komplettes Jahr Pause zu machen, so Bowman. Damals hatte Phelps erstmals in seiner Karriere für mehrere Wochen auf das Training verzichtet – anscheinend nicht genug um nach mehr als anderthalb Jahrzehnten voller Training abzuschalten und neue Kraft und Motivation zu finden.
Wochenlange Funkstille mit Bowman
Seitdem hatte es immer wieder ungewohnte Ablenkungen abseits des Pools und auch die ein oder andere negative Schlagzeile gegeben. Die Niederlage gegen Paul Biedermann bei der WM in Rom war kein Ansporn für Phelps sich mehr ins Training hineinzuknien, wie es noch früher der Fall gewesen wäre - zum Ärger von Bob Bowman, dessen sonst so enges Verhältnis zu seinem Zögling sich zusehends abgekühlt hatte. Teilweise habe Phelps sich eine ganze Woche lang nicht bei seinem Coach sehen gelassen und diesen auch nicht angerufen. Unregelmäßiges Training verträgt sich nicht mit dem gezielten Ausmerzen stilistischer Mängel, daher wurde vor allem die Schmetterlingslage - seine technisch ohnehin stärkste Lage – trainiert, wenn der Rekordolympionik mal am Beckenrand erschien. Kein Wunder also, dass er zwar die Schmetterlingsstrecken weiterhin dominiert, über die Lagendistanzen jedoch ungewohnte Schwächen zeigt.
“Klappe halten und etwas dagegen tun!”
Erst seit Mai nun trainiert Phelps wieder regelmäßig. Konkurrent Lochte hingegen erklärt, er hätte seit Jahresbeginn härter an sich gearbeitet als je zuvor. Die Resultate bei den Panpazifischen Meisterschaften zeugen davon. Nicht Phelps stand im Mittelpunt, sondern Lochte. Doch im Gegensatz zu seiner Niederlage gegen Biedermann im vergangenen Jahr hat Phelps nun keine “Ausrede” mehr. Er weiß, dass Lochte derzeit schlicht besser ist und er viel Arbeit vor sich hat um die Lücke wieder zu schließen. Während die Niederlage gegen den “unbekannten Deutschen” die Motivationsmaschine nicht richtig reizen wollte, scheinen die Leistungen von Teamkollege Lochte Phelps jetzt wieder anzuspornen wie in alten Zeiten. ”Ich habe jetzt wieder seine volle Aufmerksamkeit. Das war das einzig Positive in einem frustriedenden Jahr”, erklärte Bowman nach den Meisterschaften in Irvine und richtete den Blick nach vor: ”Ich kann es nicht mehr hören, dass alle sagen, er sei außer Form. Das wissen wir. Also heißt es Klappe halten und etwas dagegen tun!”




[...] Menge Motivation geben”, erklärte Phelps damals. Die erneuten Niederlagen gegen Ryan Lochte, von dem sich Phelps 2010 immer wieder die Show stehlen lassen musste, scheinen der “Motivationsmaschine” neues Futter gegeben zu haben. Die Intensivierung [...]