Laut, spannend und voller Überraschungen – Staffeln stellen nicht nur bei internationalen Höhepunkten meist das Highlight eines Wettkampfes dar. Im Schwimmsport gibt es wohl kaum ein Event, bei dem die Trommeln lauter schlagen als bei den Staffelrennen. Der Spirit eines Teams und die Stimmung in der Halle können zu ungeahnten Höhenflügen verhelfen und den Ausgang eines Rennens auf den letzten Metern noch einmal entscheidend verändern. Man denke an die legendäre 4x100m Freistilstaffel der Herren bei Olympia 2008 in Rio, bei der der US-Amerikaner Jason Lezak auf der letzten Bahn noch die weit in Führung liegende und als sicherer Sieger geltende französische Staffel abfangen konnte – ein Moment für die Geschichtsbücher. Staffeln haben ihre eigenen Regeln und Gesetze, auf die ein Coach das Team gut vorbereiten sollte. Entscheidend für eine gelungene Staffelleistung: Die perfekte Aufstellung, saubere Wechsel und der richtige Teamgeist!
In Teamsportarten ist nach großen Erfolgen oft die Reden von einer „eingeschworenen Truppe“, die sich blind versteht und perfekt aufeinander abgestimmt ist. Auch wenn man sich im Schwimmen selten einen Laufpass zuspielt, kann das Gefühl, Teil eines großartigen Teams zu sein, dem einen oder anderen aber durchaus längere Arme wachsen lassen. Wenn man auf den letzten Metern nicht nur für sich allein gegen die Konkurrenz schwimmt, lässt man die feuernden Beine doch gern mal noch etwas mehr brennen als sonst. Doch ist dem tatsächlich so? Wie viel schneller schwimmt man eigentlich in einer Staffel im Vergleich zum Einzel?
Schnell in der Staffel = Schnell im Einzel
Ein australisches Forscherteam schaute sich die Staffelleistungen von Top-Schwimmern bei internationalen Events zwischen 2010 und 2018 an und verglich sie mit den jeweiligen Bestzeiten der Aktiven aus dem selben Jahr. Sie rechneten dabei den Vorteil durch die schnellere Reaktionszeit heraus. Das überraschende Ergebnis: Die Forschenden konnten keinen signifikanten Unterschied zwischen Einzel- und Staffelleistung herausfinden. Zudem erkannten sie, dass bei Staffeln die Tendenz besteht, dass die Sportler auf den ersten Metern zu ambitioniert angehen. Das sei vor allem bei Schwimmern zu beobachten, die hinter einem Gegner ins Wasser gingen. Sie versuchten also direkt auf der ersten Bahn den Abstand zum Vordermann zu verringern. Das führt jedoch in der Regel nicht zu einer schnelleren Zeit, sondern zu einem stärkeren Leistungsabfall gegen Ende. Die Wissenschaftler raten daher, auch in Staffelsituationen einen kühlen Kopf zu bewahren und sein eigenes Rennen zu schwimmen. Wenn es nun aber eigentlich keinen Unterschied zwischen Einzel und Staffel gibt, wieso wachsen dann doch immer wieder Schwimmer bei Team-Wettbewerben über sich hinaus? Da nicht jeder so an seinem Leistungsmaximum schwimmt, wie ein internationaler Top-Athlet, bieten die emotionalen Höhepunkte einer Staffel und die zahlreichen Anfeuerungsrufe des Teams vor allem Jüngeren die Chance zu zeigen, was wirklich in ihnen steckt. Stellt eine Schwimmerin in einer Staffel also zum Beispiel eine fantastische Bestzeit auf, kann sie sich sehr glücklich schätzen, denn nach den Ergebnissen der Studie hat sie die gezeigte Leistung sehr wohl auch im Einzel drauf!
Wie wichtig sind die Wechsel?
Ein Wir-Gefühl herzustellen, ist auch für die Staffeln mit internationalen Top-Athleten essenziell. Der international angesehene Coach Frank Embacher trainierte unter anderem Schwimm-Asse wie Weltmeister Paul Biedermann oder Europameisterin Daniela Schreiber. Im Zuge der Olympiavorbereitungen für Rio 2016 leitete er zudem das Staffelprojekt des Deutschen Schwimm-Verbandes. Die aussichtsreichsten Athleten für die 4x200m Freistilstaffel trainierten hierbei über Jahre hinweg regelmäßig in Lehrgängen zusammen. Neben der Steigerung des Teamgefühls, beobachtete er einen weiteren Effekt, der für Staffeln von großer Bedeutung ist: „Als Staffel bereits vorher zusammen zu trainieren, hat vor allem den Vorteil, dass man sich und seine jeweiligen Stärken und Schwächen genau kennenlernt.“ Jeder Athlet merkt an den Stärken der anderen, woran er selbst arbeiten muss und nimmt diese Hausaufgaben in sein Training mit nach Hause. Der Fokus der deutschen Athleten lag neben dem allgemeinen Training vor allem auf der Verbesserung der Wechselzeiten. Ziel dabei war es, die Wechselzeiten von vorher pro Athlet 0,23 Sekunden auf unter 0,1 Sekunden zu verbessern. Bei drei Wechseln macht das am Ende etwa eine halbe Sekunde aus. Um dieses Ziel zu erreichen, investierte das Team sehr viel Energie in das Training von Technik und Timing der Wechsel. Sogar Sportwissenschaftler standen hierfür regelmäßig am Beckenrand zur Seite, um die Sprünge der Athleten genau auszuwerten. Doch lohnt sich dies überhaupt? Forschende haben in mehreren Studien untersucht, inwieweit sich die Staffelwechsel eines Teams auf dessen Platzierung auswirken. Bei der Analyse der Staffeln internationaler Top-Events kam man zu dem Schluss, dass erfolgreiche Staffeln in der Regel tatsächlich schnellere Wechsel performen. Dieser Effekt ist besonders bei den 100er Staffeln der Damen zu beobachten. Bei den Herrenstaffeln dagegen machen die Wechsel in weniger Fällen tatsächlich den Sprung aufs Podest aus, da das Niveau insgesamt hoch ist. Hier kann also eine Staffel nicht allein über die Wechsel gewonnen, aber durchaus verloren werden. Zudem merken die Sportwissenschaftler an, dass schnellere Wechsel auch schneller zu Disqualifikationen führen. Nicht nur deswegen sollte man sich genau überlegen, wie viel Trainingszeit man verwendet, um einzelne Hundertstel beim Start zu sparen. Denn auf der Bahn holt man diese zum Teil deutlich einfacher. Coach Embacher kann das nur bestätigen: „Wir haben sehr viel Zeit investiert, um bei den Wechseln Spitze zu werden, doch am Ende waren die gewonnenen Zehntel sehr teurer erkauft.“
Trotzdem sollten saubere Staffelwechsel zum Grundrepertoire ambitionierter Wettkampfschwimmer gehören. Im Training der Starts sollte es vor allem darum gehen, die verschiedenen Starttechniken auszuprobieren und zu automatisieren. Nicht jeder kommt zum Beispiel mit der neuen Step-over-Technik zurecht. Dieser Start ermöglicht einen sehr kraftvollen Absprung mit viel Speed, jedoch hat er auch großes Fehlerpotenzial. Neben dem Startsprung an sich spielt bei Staffeln aber vor allem das richtige Timing eine Rolle. Die Geschwindigkeit des übergebenden Schwimmers richtig einzuschätzen, ist essenziell, um seinen Start rechtzeitig einzuleiten. Hierfür bietet sich zum Beispiel der Einsatz von Videos an. So können Sportler selbst besser erkennen, ab wann sie die Bewegung einleiten sollten. Mit Reaktions- und Koordinationsspielen kann das Training des richtigen Timings für die Bewegungen an Land ergänzt werden. Da man zu Beginn einer Einheit am besten neue Reize verarbeiten kann, kann man das Training sehr gut in die Erwärmung oder am Anfang des Trainings eingebauen. Das spart Zeit und lockert zugleich das Training etwas auf. Man muss den Staffelwechseln also kein ganzes Trainingslager widmen, kann sie aber ab und an in die Trainingssessions integrieren.
Die Besetzung der perfekten Staffel
Nachdem man im Training nun für die richtige Team-Mentalität gesorgt und mit dem Schleifpapier über die Staffelwechsel gegangen ist, stellt sich für den Wettkampf die entscheidende Frage: Wie besetzte ich meine Staffel und wer schwimmt an welcher Position? Auch hier haben Forscher genauer hingeschaut und in mehreren Studien die Ergebnisse der Staffeln bei internationalen Höhepunkten untersucht. Die Forschung bestätigt hierbei das, was unter Coaches oft angewendet wird. Staffeln, die ihre besten zwei Athleten jeweils an den Anfang und ganz ans Ende der Staffel setzen, erzielen meist die besten Ergebnisse. Einen schnellen Schwimmer am Anfang zu haben ist wichtig, um die Staffel mindestens auf Augenhöhe mit der Konkurrenz zu halten und dem Rest der Crew zu signalisieren, dass da was geht. Einen Rückstand wieder aufzuholen ist psychologisch gesehen schwerer, als sich gegen einen Angriff von hinten zu wehren. Neben der bloßen Leistung sollte ein Trainer zudem auf den Charakter des Sportlers schauen. Es gibt Schwimmer, die unter schwierigen Situationen, wie zum Beispiel einem spannenden Zielspurt erst so richtig in Fahrt kommen. Andere sind zwar schnelle Schwimmer, lieben es aber eher auf „geregelten Bahnen“ zu verkehren, in denen sie ihr Rennen machen können. Das lässt sich auf den ersten Metern der Staffel noch am ehesten gewährleisten. Doch nicht alle Teams, die in den Staffeln zu Medaillen schwammen, setzten ihre Top-Leute an Position eins oder vier. Sehr gut besetzte Staffeln haben den Vorteil, dass sie auch den dritt- oder viertschnellsten Athleten voran schwimmen lassen können und so nach den ersten Teilstrecken trotzdem vorn dabei sind. Das kann Eindruck bei den Konkurrenten machen und sie demoralisieren, denn der „Star“ der Gegner kommt ja erst noch. So eine Taktik muss man sich aber leisten können.
Immer öfter gehören bei Wettkämpfen auch Mixed-Staffeln zum Programm, für die wiederum nochmal etwas andere Gesetzte gelten. Spanische Forschende haben für eine Untersuchung hierzu die Daten der Weltmeisterschaften aus den Jahren 2015, 2017 und 2019 ausgewertet. Dabei konnten sie interessante Tendenzen beobachten. Bei den Freistil-Mixed-Staffeln waren eindeutig Teams im Vorteil, die beide Männer vorwegschickten. Bei Mixedstaffeln können sich wegen des Geschlechterunterschieds schnell sehr große Abstände auftun, die nur schwer wieder aufzuholen sind. In der Welle eines Mannes zu schwimmen, kann für die Damen zudem sehr hinderlich sein und sollte daher möglichst vermieden werden. Weniger eindeutig sah die Sache bei der Lagen-Mixed-Staffel aus, da es hier sehr auf die individuellen Stärken der einzelnen Staffelmitglieder ankommt und darauf welche Aktiven man zur Verfügung hat. Lediglich für die Bruststrecke haben die Wissenschaftler eine Empfehlung. Da der absolute Zeitunterschied zwischen Mann und Frau hierbei im Vergleich zu den anderen Schwimmarten am größten ist, haben Teams mit einem schnellen Männern auf der Bruststrecke einen klaren Vorteil. Laut den Daten des Forscherteam ist die beste Aufstellung für die Lagen-Mixed-Staffel Frau-Mann-Frau-Mann. Das ist zum Beispiel auch die Besetzung, mit der die Briten bei den Olympischen Spielen in Tokio mit Weltrekord zu Gold flogen.
Wie so oft im Leben gibt es aber auch für Staffelaufstellungen keinen Geheimcode, mit dem jedes Team nach ganz vorn schwimmt. Sonst wäre es auch schnell sehr voll auf dem Treppchen. Der richtige Teamspirit, Sportler, die im Training hart an sich gearbeitet haben, technisch saubere Wechsel, eine gute Team-Aufstellung und das nötige Quäntchen Glück – das sind die Zutaten, die es braucht, damit die Trommeln des eigenen Teams am Ende am lautesten schlagen. Und hat es dann doch nicht ganz für den Sprung nach vorn gereicht, hatte man immerhin eine gute Zeit mit seinen Teamkollegen.
Dieser Artikel erschien in der Herbstausgabe 2022 des swimsportMagazine. Alle noch verfügbaren Ausgaben der Zeitschrift für den Schwimmsport können im großen swimsportMagazine-Paket bestellt werden. Zum Sonderpreis erwarten euch hier mehr als 1500 Seiten geballtes Schwimmwissen --> Das swimsportMagazine-Paket