An manchen Tagen hat man das Gefühl, man schwimmt, aber bleibt dennoch stehen. Nichts will so richtig funktionieren und die Wand scheint überhaupt nicht näherzukommen. Schwimmerinnen und Schwimmer, die dieses Gefühl haben, befinden sich dann meistens entweder in einer harten Trainingseinheit - oder in einem Strömungskanal. Das Training in der Gegenstromanlage ist wohl das einzige, bei dem man stehen bleibt und trotzdem vorankommt. Kanaltraining ist eine der vielseitigsten und reichhaltigsten Trainingsformen neben dem klassischen Beckentraining. Jedoch ist das Schwimmen auf der Stelle eine eigene Welt für sich und es gibt einige Dinge, die man wissen sollte, bevor man sich in die anströmenden Fluten stürzt.
In einem Strömungskanal wird Wasser durch Turbinen in einem Kreislauf in Bewegung versetzt. Die meist unter dem Schwimmbecken liegenden Triebwerke saugen das Wasser an und befördern es durch ein Schutzgitter nach oben, wo es den Schwimmer dann von vorn anströmt. Besonders Leistungsschwimmer nutzen das Training im Kanal regelmäßig. Aber auch für ambitionierte Hobby-Athleten kann das Kanaltraining eine wertvolle Ergänzung zum normalen Bahnen ziehen sein.
Techniktraining im Kanal
Meist finden die Sessions im Strömungskanal in professioneller Begleitung durch Trainingswissenschaftler oder erfahrene Coaches statt, die anschließend umfassendes Feedback über die Technik geben können. Und hier sind wir auch schon bei einem der größten Vorteile, die das Training in der Gegenstromanlage hat. Man hat quasi Laborbedingungen und kann buchstäblich alle Lagen aus allen Lagen analysieren. Kameras an der Decke, den Seiten und von vorn legen dabei jede noch so kleine technische Unsauberkeit offen. Und das, wenn gewünscht, auch in Slow-Motion. Zudem können die gängigen Kanäle jede beliebige Geschwindigkeit bis zu einem Speed von ca. 2,5 Meter pro Sekunde simulieren, manche schaffen sogar 3m/s. Wenn man bedenkt, dass die maximale Schwimmgeschwindigkeit von Profi-Athleten auf 50m Freistil bei ca. 2,3 m/s liegt, zeigt das, dass man ein Rennen gegen den Kanal höchstens auf dem Jetski gewinnen kann. Die durch die Turbinen erzeugten Kräfte sind nicht zu unterschätzen. Im entgegenströmenden Wasser spürt man jeden technischen Fehler sofort. Im normalen Schwimmen merkt man zudem meist gar nicht, wie viel größer der Strömungswiderstand des Wassers bei höheren Geschwindigkeiten wird. Athleten, die ohnehin eine gute Wasserlage haben und wenig Widerstand produzieren, haben meist einen Vorteil gegenüber Schwimmern, die eher tiefer im Wasser liegen und sich ihre Wasserlage stärker über Kraft erkaufen. Anhand der entstandenen Videoaufnahmen im Kanal können die Coaches den Athleten nach kurzer Zeit sehr genaues Feedback geben zu technischen Aspekten. Neben der Wasserlage sind zum Beispiel auch das genaue Zugverhalten, die Armführung über Wasser oder das Timing der Beinarbeit klassische Baustellen, an denen man im Kanal besonders gut arbeiten kann. Bei der Video-Analyse nutzen Coaches dann sehr gern das berüchtigte „siehste“-Prinzip. Der Armeinsatz bei Rücken, der dem Schwimmer vielleicht so vorkommt, als setzte er sowieso schon so weit außen ein, dass er fast den Beckenrand berühren kann, zeigt sich im Video dann gern als immer noch zu weit innen. Das innere Bewegungsprogramm umzustellen ist nicht so einfach, weshalb die Visualisierung im Kanal sehr wertvoll sein kann. Um Erfolge auch langfristig zu erkennen und stets Feedback zu bekommen, empfiehlt sich besonders für Leistungssportler ein regelmäßiger Besuch in der „Wasserröhre“. So lassen sich Erfolge und noch bestehende Fehler langfristig gut beobachten.
Sprinttraining im Kanal
Wenn man von einer guten Technik spricht, geht es im Schwimmsport meist vor allem um eine effektive und möglichst effiziente Wettkampftechnik. Um die zu trainieren, braucht es allerdings ebenfalls Wettkampfbedingungen. Genau hierin besteht ein weiterer großer Vorteil des Strömungskanals. Man kann Geschwindigkeiten simulieren, die ein Schwimmer nur im Wettkampf erreichen kann. Und das ist nicht alles. Stellt man den Kanal nämlich noch ein wenig schneller ein, kann man den Sportler sogar im „Übertempo“ schwimmen lassen. Der Athlet muss dann versuchen, so lang wie möglich gegen die Strömung anzuschwimmen, ohne Boden zu verlieren. Dieses sogenannte Supramaximal-Training ist besonders bei Sprintern eine beliebte Trainingsform, um neue Reize zu setzen. Das Gehirn muss sich dabei auf die neue, höhere Bewegungsgeschwindigkeit einstellen. Untersuchungen haben ergeben, dass dies tatsächlich zu einer Leistungssteigerung im Sprintbereich führen kann. Zudem kann anschließend analysiert werden, wie sich die Technik des Sportlers bei zunehmender Geschwindigkeit verändert. Es lässt sich dabei auch gut beobachten, woher der Schwimmer die höhere Geschwindigkeit bezieht. Erhöht er beispielsweise bei schnellerem Tempo lediglich die Frequenz des Armzugs und wird zunehmend kürzer in der Zugphase, weiß der Schwimmer, worauf er im Training seinen Fokus legen sollte. Als Konsequenz aus diesem Fall könnte man zum Beispiel Sprint-Sets mit Paddles einbauen, bei denen auf eine kraftvolle Zugphase geachtet wird. Oder man kann sich generell bei intensiven Belastungen auf diesen Aspekt der Technik konzentrieren.
Eine klassische Einheit im Kanal
Um das Potenzial des Kanals wirklich nutzen zu können, muss man natürlich wissen, wie man ihn richtig einstellt, beziehungsweise welche Geschwindigkeit man jeweils wählen sollte. Um das zu beantworten, schauen wir uns exemplarisch ein typisches Kanal-Trainingsprogramm von Stefano Razeto an. Er ist mehrfacher DM-Medaillengewinner über die 50m Freistil und nutzt regelmäßig den Strömungskanal im T3 Trainingszentrum auf Teneriffa für sein Schnelligkeitstraining. Seine typische Einheit ist aufgebaut in drei Sätzen. Die Schwimmart bleibt dabei dieselbe. Ein Satz besteht aus zwei Durchgängen in denen jeweils 30 Züge in Wettkampftechnik geschwommen werden. Die ersten beiden werden mit 95% der Spitzengeschwindigkeit absolviert. Im zweiten Set sind es 85% und im dritten Set 80% des Topspeeds. Die Maximalgeschwindigkeit wird aus der 50m Bestzeit errechnet. Wenn ein Schwimmer zum Beispiel eine Bestzeit von 25 Sekunden auf 50m Freistil hat, sind das 2 m/s. Hiervon 95% ergibt dann die Geschwindigkeit für die erste Stufe. In diesem Fall wären das 1,9m/s. Die Pausen dazwischen nutzen Stefano und sein Team zur technischen Analyse des jeweiligen Durchgangs. Hierbei nehmen sie sich einen speziellen Aspekt heraus, der dann versucht wird im nächsten Durchgang zu verbessern. Die niedrigere Geschwindigkeit macht es etwas einfacher, das auch umzusetzen. Spätestens im dritten Durchgang klappt es dann meist schon, die entsprechende Vorgabe zu erfüllen. Dieses Programm kann man in einer Einheit für ein bis zwei weitere Schwimmlagen wiederholen. Im weiteren Training wird dann versucht, an den ermittelten technischen Baustellen weiterzuarbeiten und die neuen Bewegung zu automatisieren.
Ein wichtiger Punkt, den man beim Kanaltraining mit auf dem Zettel haben sollte, ist die Organisation der Einheit. Da die meisten Schwimmer in einer Trainingsgruppe trainieren und nicht allein den ganzen Kanal für sich haben, bietet es sich bei allen Sets an, ähnlich schnelle Sportler zusammen schwimmen zu lassen. Je nach Breite des Kanals können so zwei bis drei Schwimmer gleichzeitig üben. Wenn ein normales Becken neben dem Kanal zur Verfügung steht, kann man die TG auch in einzelne Gruppen aufteilen, die abwechselnd den Kanal nutzen. So wird niemandem kalt zwischendurch und man kann sich bei intensiven Einheiten kurz locker schwimmen.
Dauermethoden im Kanal
Wenn man die Möglichkeit hat, die Strömungsanlage mal länger in Anspruch nehmen zu dürfen, kann der Kanal auch für das Ausdauertraining genutzt werden. Wertvoll ist das vor allem als begleitende Rehabilitationsmaßnahme nach Verletzungen. Hat ein Sportler etwa eine Fußverletzung und kann sich deshalb nicht richtig vom Beckenrand abstoßen, kann man den Kanal nutzen, um dennoch ein paar Kilometer zu absolvieren. Für längere Distanzen wird die Geschwindigkeit meist von der 400m-Bestzeit abgeleitet. Bei einer Bestzeit von fünf Minuten (ca. 1,3m/s) ergibt sich für die Belastungszone 3, also intensives Grundlagen-Ausdauertraining, eine Geschwindigkeit von 1,07 m/s für den Schwimmer. Das entspricht 80% der Bestzeit. Je nach gewünschter Intensität wird dann die entsprechende Geschwindigkeit nach unten oder oben angepasst. Am Bundesstützpunkt in Potsdam hat man zusätzlich sogar die Möglichkeit, im Kanal künstlich Höhenluft zu simulieren. Der Sauerstoffgehalt in der Luft wird dabei so eingestellt wie auf 1500m bis 2000m Höhe. Das soll die Bildung von roten Blutkörperchen fördern, ähnlich wie beim normalen Höhentraining.
Doch nicht für jeden ist das Ausdauertraining im Kanal sinnvoll oder überhaupt möglich. Da der Stromverbrauch eines Kanals und demzufolge die Betriebskosten nicht ganz ohne sind, ist diese Trainingsform sehr teuer. Zudem gibt es in Deutschland nur wenige Trainingszentren, an denen es überhaupt einen Strömungskanal gibt. Wer die Möglichkeit hat, an den jeweiligen Standorten zum Beispiel mal ein Trainingslager abzuhalten, sollte sich aber nicht scheuen, die Nutzung des Kanals anzufragen. Unter realistischen, wettkampfnahen Bedingungen kann man sehr genaue Erkenntnisse über alle Aspekte der Technik eines Schwimmers gewinnen und damit Fokuspunkte für das weitere Training ableiten. Für die technische und wettkampfspezifische Ausbildung kann der Kanal eine wahre Goldgrube sein.
Dieser Artikel erschien in der Frühjahrsausgabe 2023 des swimsportMagazine. Alle noch verfügbaren Ausgaben der Zeitschrift für den Schwimmsport können im großen swimsportMagazine-Paket bestellt werden. Zum Sonderpreis erwarten euch hier mehr als 1500 Seiten geballtes Schwimmwissen --> Das swimsportMagazine-Paket