02. Juli 2026

Noch vor wenigen Wochen stand hinter allem ein großes Fragezeichen. Hinter dem Training, hinter den Deutschen Meisterschaften – und vor allem hinter einem Start bei den Europameisterschaften in Paris. Denn Jeremias Pock kämpft seit Mitte Februar mit massiven Rückenproblemen. Eine Verletzung, die ihn stärker als zunächst gedacht ausbremste. 

„Ehrlich gesagt habe ich schon fast nicht mehr daran geglaubt“, verrät Pock rückblickend. Die wettkampfintensive Collegesaison in den USA, die nationalen Titelkämpfe inklusive EM-Qualifikation – wirklich Zeit zur Regeneration blieb kaum. Erst im Juni zog er dann die Reißleine: Trainingspause, mehrere Tage im Krankenhaus, MRT-Untersuchungen und Injektionen im Lendenbereich. Seitdem geht es nun endlich wieder aufwärts. In enger Abstimmung mit den Physiotherapeuten zieht Jeremias Pock in seiner deutschen Heimat Nürnberg wieder seine Bahnen – mit dem klaren Ziel, rechtzeitig zur EM wieder fit und wettkampffähig zu sein. 

Dabei hätte die Saison kaum besser beginnen können. In den USA begeisterte Pock für die University of Indianapolis schwimmend mit gleich fünf nationalen Meistertiteln und mehreren Collegerekorden. „Ich wusste, dass ich insgesamt einen großen Schritt gemacht habe in der Saison“, erzählt er. Spätestens seit seinem sechsten Platz bei den Kurzbahn-Europameisterschaften im Dezember – seinem EM-Debüt – hatte er sich auch international einen Namen gemacht. 

Umso bitterer waren die gesundheitlichen Einschränkungen im Frühjahr, die durch eine Überbelastung entstanden sind. Die Rückenprobleme sorgten für große Ungewissheit, auch die Normerfüllung für die EM schien fraglich. Startsprünge ließ er fast komplett aus, bestimmte Kraftübungen waren nicht mehr möglich, das Training musste an vielen Stellen umgestellt werden. 

Doch bei den Deutschen Meisterschaften Ende April in Berlin klappte es dann trotzdem mit dem erhofften EM-Ticket. Über die 200m Lagen schwamm der Titelverteidiger bereits im Vorlauf mit Fullspeed – aus der Ungewissheit heraus, wie der Rücken der Wettkampfbelastung standhalten würde. Die Belohnung: Jeremias Pock knackte nicht nur souverän die EM-Norm sondern blieb als erster Deutscher seit rund fünf Jahren unter der Schallmauer von zwei Minuten. Im Finale folgte dann die erfolgreiche Titelverteidigung, das erklärte Ziel somit perfekt. 

Einen Tag später zeigte sich allerdings erneut die Kehrseite. Über die 200m Brust kehrten die starken Schmerzen zurück. Pock blieb über der Norm und verpasste eine Medaille. „Ich weiß, dass ich da noch mehr drauf habe. Aber manchmal geht es nicht um die absolute Zeit, sondern darum, sich selbst zu beweisen, dass man sich zusammenreißen und durchkämpfen kann.“

Gerade über die 200m Brust sieht er eigentlich sein größtes Potenzial – insbesondere auf der Kurzbahn, wo Pock von seinen starken Tauchzügen und der niedrigen Frequenz profitiert. Langfristig hat er dort sogar den Deutschen Rekord von Marco Koch im Blick, ehemals Weltrekord. Bei der Kurzbahn-EM schaffte es der 23-Jährige bis ins Finale, seinen Auftritt im Halbfinale bezeichnet er rückblickend als sein bislang stärkstes Rennen überhaupt. Von der Kurzbahn-EM nahm Jeremias Pock noch eine weitere wichtige Erkenntnis mit: Nur weil der erste Start nicht so gut läuft, kann man trotzdem noch einen richtig guten Wettkampf haben. 

Nun richtet sich der Blick nach vorn – zur EM in Paris. Die Erwartungen hält Pock jedoch bewusst niedrig. Nach der ungeplanten Trainingspause befindet er sich noch ein einer Findungsphase. „Grundsätzlich habe ich immer das Ziel, so nah wie möglich an mein volles Potenzial zu schwimmen. Aber in diesem Fall ist es besser, vor allem die Erfahrung mitzunehmen.“ Schließlich werden es seine ersten internationalen Titelkämpfe auf der Langbahn in der offenen Klasse sein. 

Aus emotionalem Selbstschutz hat er sich bislang kaum mit der EM beschäftigt. Zu präsent war die Sorge, dass ein Start aufgrund der Rückenbeschwerden überhaupt nicht möglich sein könnte. Der Fokus lag und liegt auf der Gesundheit. Schwimmerisch sieht Pock vor allem auf den letzten 15 Metern noch Luft nach oben – eine Auswirkung der kürzeren Yardsbahn in den USA.

Der Wechsel von Nürnberg nach Indianapolis markierte dennoch einen entscheidenden Durchbruch. „Ein großer Teil davon war mental. Ich brauchte einfach einen Tapetenwechsel und neue Reize.“ In den USA trainierte er unter anderem mit Cedric Büssing und somit der direkten nationalen Konkurrenz. Bei einigen Wettkämpfen wie den Weltcups traf Pock auf Weltstars wie Adam Peaty – und schlug den britischen Olympiasieger dabei sogar in einem Rennen. „Eine sehr coole Erfahrung“, verrät er. 

Das nächste Aufeinandertreffen mit der europäischen Schwimm-Elite steht nun im August bevor. Vorausgesetzt, der Rücken hält. Und dann gilt für Jeremias Pock vor allem eines: „Alles geben – so viel der Rücken eben kann.“ 

 

Bild: Tino Henschel